Einen Teil unserer Gruppenarbeit macht die Fallarbeit aus. Dabei betreuen wir und informieren wir über einen ganz konkreten Menschen, dessen Menschenrechte verletzt werden.
Abdelkader Bouchama ist 35 Jahre alt, Lehrer, verheiratet und hat 1 Tochter. Er wurde am 18.05.1994 zu Hause in Mostaganem von Sicherheitskräften festgenommen. Die örtlichen Polizeikräfte konfiszierten sein Auto und durchsuchten sein Haus. Nach seiner Festnahme erkundigte sich seine Familie mehrmals bei den Behörden nach seinem Aufenthaltsort. Sie bekamen aber keine Auskunft über sein Schicksal, seine Rechtsstellung und den Grund der Verhaftung.
Seit dem 18.05.1994 ist Abdelkader Bouchama verschwunden. Warum kümmert sich amnesty international um diesen Fall? amnesty international bekämpft das Verschwindenlassen in allen Fällen, unabhängig von den Gründen der Festnahme. Erfahrungsgemäss ist bei unklarem Aufenthaltsort die Gefahr von Misshandlung und extralegaler Hinrichtung gross.
Über 3000 Menschen sind seit 1993 in Algerien verschwunden. Opfer sind Menschen aus völlig unterschiedlichen sozialen, wirtschaftlichen und politischen Gruppen. Die Festnahme erfolgte an verschiedenen Orten (zu Hause, am Arbeitsplatz, auf der Strasse...). Von einigen Fällen wird angenommen, dass sie wegen mutmasslicher Verbindung zu einer bewaffneten Gruppe verhaftet wurden, andere wurden denunziert, bei vielen gibt es keinen erkennbaren Grund. Anfragen von Angehörigen über das Schicksal von Verschwundenen haben Behörden lange Zeit ignoriert, erst als 1996 die Vereinten Nation in verschiedenen Fällen nachfragten, gab es verschiedene Erklärungen seitens der Behörden:
Das Verschwindenlassen in Algerien hat sich vor dem Hintergrund einer Menschenrechtskrise entwickelt, die seit 1992 zehntausende Menschenleben forderte. Begonnen hat alles 1992 nach der Annullierung der zweiten Runde der 1. Mehrparteien-Wahlen. Als sich der Sieg der FIS-Partei abzeichnete, wurde diese verboten, und zehntausende Mitglieder verhaftet. Viele FIS-Anhänger bewaffneten sich, neue sogenannte 'Islamische' Gruppen bildeten sich, dabei blieben die Zusammensetzung und Ziele der einzelnen Gruppen oft unklar.
Noch im gleichen Jahr wurde der nationale Notstand ausgerufen. Die 1994 gebildeten und vom Staat ausgerüsteten paramilitärischen Milizen, ersetzten teilweise die Sicherheitskräfte und sind nachweislich für schwere Menschenrechtsverletzungen verantwortlich.
Die Unfähigkeit der algerischen Behörden die Zivilbevölkerung zu schützen rüttelte auch die internationale Gemeinschaft auf, das Medieninteresse flaute aber bald wieder ab. 1998 fanden Besuche einer Delegation des europäischen Parlaments und einer Abordnung der Vereinten Nationen statt, es fehlten aber Macht und Mittel Untersuchungen durchzuführen.
1996 besuchte eine Delegation von amnesty international trotz Zugangsbeschränkung das Land. Zuletzt fand im Februar 2003 ein Besuch statt. Die Delegationsteilnehmer beklagten wie schon mehrmals zuvor mangelnde Kooperationsbereitschaft. Auf Anfragen in Bezug auf eingeleitete Untersuchungen zu den Verschwundenen gab es wieder nur ausweichende Antworten. Beim Treffen mit nichtstaatlichen Menschenrechtsgruppen und Rechtsanwälten wurde der Delegation immer wieder versichert wie wichtig die internationale Unterstützung ist.
Einige Anwälte haben Morddrohungen erhalten und sind ins Exil gegangen. Aufgrund der Drohungen und Repressalien engagieren sich nur wenige Juristen. Staatspräsident Bouteflika erliess im Sommer 1999 das Gesetz zur 'zivilen Eintracht', breite Unterstützung bekam er dafür in einem Referendum durch die Bevölkerung. Mehrere tausend bewaffnete Islamisten stellten sich den Behörden und konnten auf Strafminderung und Straffreiheit hoffen. Das Gesetz zur 'zivilen Eintracht' und die Amnestie verdecken, dass Verantwortliche für Menschenrechtsverstösse nicht zur Rechenschaft gezogen werden die Friedenspolitik von Präsident Bouteflika wird bereits als gescheitert bezeichnet, auch nach zehn Jahren Bürgerkrieg werden immer noch durchschnittlich hundert Menschen pro Monat getötet und die Täter gehen straffrei aus.
Mehr Infos unter [http://www.ai-algerien.de] oder [http://www.algeria-watch.de]